Industriekultur Neuthal: definitiv eine Reise wert!

26.07.2014 21:19

Letztens hab ich beim zappen am TV durch Zufall in einen Bericht des Schweizer Fernsehens reingeschalten, bei dem ich hängen geblieben bin. Es wurde darin das Projekt „Anno 1914“ und der, wenn man so will, „Museumskomplex“ „Industriekultur Neuthal“ bei Bäretswil im Zürcher Oberland vorgestellt. In den Gebäuden einer ehemaligen Industriespinnerei werden im Neuthal Maschinen zur industriellen Verarbeitung von Fasern, insbesondere Baumwolle ausgestellt. Das Projekt umfasst vier Ausstellungen zu den Themen „Spinnen“, „Weben“, „Sticken“ und „Leben“, zurzeit ist zudem eine Sonderaustellung zu den Jungfraubahnen zu besichtigen. Im Internet ist das Ensemble unter www.industriekultur-neuthal.ch zu finden.

Da Neuthal von meinem Wohnort relativ weit entfernt liegt, wir allerdings unsere Sommerferien in dessen Nähe verbracht haben, führte natürlich kein Weg daran vorbei, hinzufahren. Und ich muss sagen: Es hat sich echt gelohnt, wir haben wohl einen der besten Museumsbesuche unseren Lebens geniessen dürfen! Das Tolle am Neuthal war folgendes: Wir kamen an und suchten uns als erstes die Spinnerei zur Besichtigung aus. Dort wurden wir direkt von freundlichen Pensionären in Empfang genommen. Nachdem wir unseren Eintritt bezahlt hatten, nahm sich einer der Herren, die übrigens alle in dem Bereich, bei dem sie freiwillig im Museum mitarbeiten, ihren Berufsalltag bestritten haben, die Zeit, uns persönlich und äusserst fachkompetent durch die Ausstellung zu führen. Da wir in dem Moment nur gerade zu zweit in der Ausstellung ankamen, kamen wir in Genuss einer fast zwei Stunden dauernden Privatführung. Bei der Spinnerei beginnt dabei der Weg im Schulzimmer, wo man etwas über spinnbare Fasern im Allgemeinen lernt. Anschliessend geht es weiter beim gepressten Baumwollballen, wie er normalerweise in einer Spinnerei angeliefert wird. Über die verschiedenen Lockerungsstufen, die Qualitätskontrolle im Labor und die Kardiererei und Kämmerei landet man schliesslich bei den Spinnmaschinen verschiedener Generationen. Der Schwerpunkt liegt dabei auf den Exemplaren aus der Blütezeit der schweizerischen Textilindustrie. An jeder Maschine wird erklärt, wofür sie genau verwendet wird und wie sie funktioniert, bevor sie eingeschaltet wird und in Aktion bestaunt werden kann. Ein einmaliges Erlebnis! Für Fragen interessierter Besucher ist immer Zeit, und davon hatte ich einige, was wohl auch der Grund für die lange Führung war! 🙂 Unserem Spinnfachmann war die Freude an unserem Interesse und am Weitergeben seines Wissens deutlich anzumerken. Es war einfach toll!

Am Ende der Spinnführung angelangt, wollte ich mir natürlich auch die anderen Textilbereiche noch etwas genauer ansehen. Wir machten uns also auf, die Handmaschinenstickerei unter die Lupe zu nehmen. Auch hier wurden wir sehr freundlich empfangen. Am Beispiel von zwei noch funktionstüchtigen Exemplaren wird gezeigt, wie bis zu 16 identische Stickmotive gleichzeitig gestickt werden können. Die Besonderheit der Handmaschinenstickerei liegt dabei darin, dass das herauskommende Resultat aussieht, als wäre es von Hand nur mit Nadel, Faden und Stickrahmen produziert worden. Der Sticker tastet dabei mit einem so genannten Pantograph das sechsfach vergrösserte Muster ab, was dazu führt, dass der Stoff in die richtige Position zur Nadel gebracht wird. Anschliessend wird mittels Handbetrieb die doppelseitge Nadel, die das Öhr in der Mitte hat, und der Stoff zusammengebracht, wodurch gestickt wird. Besonders fasziniert war ich hier von der Maschine, die die zum Sticken benötigten Nadeln mit bereits abgelängten Fäden bestückt und diese gleich auch noch verknotet. Ein grosses Vorlagen- und Musterbücherarchiv darf bestaunt werden und auch hier werden allerlei Antworten auf Fragen gerne geliefert.

Nachdem wir uns auch hier ungefähr 1,5 Stunden umgesehen hatten, legten wir einen kurzen Zwischenstop beim Auto ein. Mein Schatz wollte nämlich mit dem Fahrrad zu unserem Ferienort zurückfahren, währendem ich mir auch noch die Weberei anschauen wollte. Auch hier konnte ich in Begleitung eines Fachmanns für Webmachinen sofort zur Besichtigung starten. Die Weberei im Neuthal beherbergt die Sammlung des ehemals sehr erfolgreichen Unternehmens „Maschinenfabrik Rüti“. Die schlauen Köpfe der Firma begannen nämlich irgendwann in der Firmengeschichte, von allen entwickelten Maschinen ein Exemplar zu behalten und zu archivieren. Nachdem das Unternehmen aufgrund wirtschaftlicher Schwierigkeiten Anfang der achtziger Jahre von Sulzer übernommen und schlussendlich ganz geschlossen wurde, landeten die Maschinen für einige Jahre irgendwo in einer staubigen Ecke, bevor sie 2009 nach Neuthal genommen und in stundenlanger Arbeit von den pensionierten Fachleuten wieder zum Leben erweckt wurden. Während wir mit dem Lift in den zweiten Stock hochfuhren, unterhielten wir uns darüber, wie ich zum textilen Handwerk gekommen bin und was die Ausstellung zu bieten hat. Anschliessend starteten wir mit einem kleinen geschichtlichen Abriss über die Gründerfamilie der Webmaschinenfabrik und einigen Grundinformationen zum Thema Weben. In den ersten paar Minuten stiess dann noch ein Paar zu uns, das kurz nach mir im Museum angekommen war. Wir gingen also zu viert weiter. Auch in dieser Ausstellung liegt der Schwerpunkt auf der industriellen Weberei, so erstaunt es nicht, dass das Erste, was wir zu sehen bekamen, ein Handwebstuhl aus der Zeit war, in der viele Heimarbeiter im Raum Zürich im Keller oder einem Raum ihrer oft kleinen Wohnungen in mühevoller Handarbeit Stoffe herstellten und sich so ihren Lebensunterhalt, beziehungsweise ein Zubrot, verdienten. Über verschiedene Webstühle aus der Zeit der Handweberei und einige Informationen zu den Funktionsweisen verschiedener, auch neuerer, Webgeräte gelangten wir anschliessend zu den ersten maschinellen Verfahren und ganz am Schluss zu relativ aktuellen Modellen vom Ende der Rüti/Sulzer-Zeit. Auch in der Weberei konnte natürlich, nachdem alles erklärt worden war, jedes einzelne Modell in Aktion beobachtet werden. Einige Besonderheiten, wie beispielsweise ein Handwebstuhl für Invalide, der mit nur einem Arm bedient werden konnte, oder auch ein Webstuhl zum Herstellen von Frotteestoffen durften natürlich auch nicht fehlen. Ich fühlte mich wie im Schlaraffenland! Auch hier hatten wir uns natürlich etwas verzettelt und aufgrund des grossen Interesses einige Details noch etwas genauer angeschaut, so dass ich am Ende nach ungefähr 2,5 Stunden auch die Weberei verliess und mich absolut zufrieden und unglaublich gut gelaunt auf den „Heimweg“ machte.

Auf diesem Weg möchte ich mich bei all den netten Herren und Damen, die mit viel Herzblut im Neuthal mitarbeiten und mir einen wunderbaren Tag beschert haben, nochmals ganz herzlich dafür bedanken, dass sie mir und auch allen anderen Besuchern, ihre Zeit und ihr Wissen schenkten!

Und bei euch, die ihr das Museum vielleicht noch nicht besucht habt, möchte ich natürlich ein bisschen Werbung dafür machen 😉

Ach ja, übrigens läuft ab August auf SRF „Anno 1914“, laut Fachmann der Weberei lohnt sich das Reinschauen!

 

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Time limit is exhausted. Please reload CAPTCHA.